- "Selbstorganisation"
Das 1979 erschienene Buch von Erich Jantsch, "Die Selbstorganisation
des Universums", machte mir über Jahre hinweg so viel
Freude, daß ich es häufig an Freunde verschenkte.
Sollte ich auf diesem Weg mit zur Verbreitung des Wortes "Selbstorganisation"
in den Sprachen der Naturwissenschaften beigetragen haben, wäre
ich stolz darauf. Man braucht ja nicht lange zu suchen, um einer
Anwendung dieses Begriffes zu begegnen. Die Zelle in einem biologischen
Gewebe sei Ergebnis von Selbstorganisation; Orte von Nerven und
Muskelsträngen eines biologischen Organismus seien Ergebnis
von Selbstorganisation; usw. .... Auch in meiner beruflichen
Tätigkeit (in der Informationstechnischen Industrie) erschien
"Selbstorganisation" für die Kommunikation und
in den meist soziologisch motivierten Gesprächen unverzichtbar
bis beflügelnd.
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- Als ich 2005 daranging, meine eigene Arbeit
über Systeme und deren Information besser verständlich
zu präsentieren, fiel mir auf, daß das Wort "Selbstorganisation",
wenn ohne Erläuterung gebraucht, in die Irre führen
kann. "Selbstorganisation" wird vom Leser oder Hörer
vorzugsweise der Erscheinung eines Systems zugeordnet, wo ein
System eben aus Dingen zu bestehen scheint. In Wahrheit besteht
ein System aber aus den Funktionen von Dingen, d.h. aus Funktionen,
die der Bildung einer Gemeinschaft förderlich sind, d.h.
welche die Gemeinschaft der Dings in einer gegebenen Umwelt zulassen,
wo nicht herausfordern.
Nebenbei wird verständlich, warum Systeme meist als komplexe
Gebilde kommentiert werden. Sie erscheinen als komplex, weil
die Funktionen jedes einzelnen Dings, mit welchen es zur spezifischen
Emergenz, d.h. zu Existenz und Wirkung des fokalen Systems beiträgt,
nur schwer identifizierbar sind.
In der Soziologie gibt es ein einfaches Beispiel dafür,
wie Systeme "nicht-selbst-organisierend" entstehen:
Gesetzt den Fall, jemand verlangt von mir die Ausführung
bestimmter Tätigkeiten und stellt mir dazu eine Zahl verschiedener
Dings zur Seite. Für die Aktivität eines jeden Dings
werde ich nun Regeln verfassen, und zwar so, daß die gemeinschaftliche
Aktivität der Dings die Tätigkeiten ausübt, die
benötigt werden.
Interessant ist, daß die Entwicklung des Regelwerks von
mir ganz bestimmte Rücksichten verlangt: Was benötigt
das Ding beispielsweise zur Selbsterhaltung? Was benötigt
das Ding, um sich in seiner Umwelt zu behaupten (gleich ob materiell
oder geistig)? Welche Freiheiten benötigt das Ding, um sich
je nach Änderungen der Umweltbedingungen funktional adaptieren
zu können und entsprechende Nachrichten an den Bediener
abzusetzen. Welche Hilfen werde ich in Anspruch nehmen müssen,
um den Anforderungen der Dings gerecht werden zu können?
Hier wird leicht vorstellbar, daß die Funktionen der Dings
- neben ihrem Beitrag gemäß meinem Regelwerk - auch
Funktionen zur Optimierung der übergeordneten Systemeigenschaften
leisten müssen.
"Kein System organisiert sich selbst" ??
Aber es gibt eben doch Prozesse, die den Anschein vermitteln,
als befänden sie sich in Selbstorganisation. Das sind Prozesse,
in welchen sich die Funktion eines Dings aus dem von der Gemeinschaft
mehrerer Dings zugewiesenen relativen Gewicht ergibt. Wir sehen
die Veränderlichkeit (z.B. Adaptation) von Systemen aufgrund
von Änderungen des relativen Gewichts seiner Dings. Prozesse
dieser Art sind hoch interessant und wichtig, um das fokale System
zu verstehen und zu kontrollieren. Indessen von Selbstorganisation
zu reden, wäre dennoch falsch. Die Organisation eines Systems
folgt äußeren Bedingungen, wie z.B. Notwendigkeiten.
Wo wir also die Eigenschaft eines Systems untersuchen wollen,
sollte interessieren, wie die "Notwendigkeiten" zu
ordnen sind, die den Prozess zur Entstehung des fokalen Systems
geleitet haben könnten (z.B. den Prozess der relativen Gewichtung
von Dings).
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